Calakmul – el reino de la serpiente
Nun machen wir einen Sprung in den tropischen Wald im südlichen Mexiko – genauer gesagt in die Region Calakmul im Bundesstaat Campeche. Im Zuge meiner ethnobotanischen Feldforschungen durfte ich mehrere Monate in diesem „Waldviertel von Mexiko“ verbringen, wo sich Jaguar und Tapir Gute Nacht sagen und die Flüsse sich unterirdisch im Kalkgestein ihre Wege bahnen. Im Jahr 2008 kam ich erstmals in diese abgelegene Gegend. Im Süden der Halbinsel Yucatan und an der Grenze zu Guatemala und Belize gelegen, ist die Region Teil des größten zusammenhängenden Waldgebietes Mittelamerikas. Auf dem amerikanischen Kontinent ist nur der Amazonaswald größer.

Calakmul bedeutet in Maya „dos montículos adyacentes“ = zwei nebenanderliegende Hügel. Der Name ist auf die zwei großen und über 50 Meter hohen Pyramiden der archäologischen Ausgrabungsstätte im Zentrum des Biosphärenparks Calakmul zurückzuführen. Faszinierend ist, dass die Überreste von Gebäuden der Ära Maya nach über 1000 Jahren immer noch überall in der Gegend zu finden sind. Oft sind landwirtschaftliche Flächen mit Tonscherben übersäht und alte Gebäudestrukturen auf Feldern und in Wäldern erkennbar. Die Emblemglyphe von Calakmul stellt einen Schlangenkopf dar, weshalb es manchesmal auch als das „Königreich der Schlange“ bezeichnet wird.
Mais ist das Grundnahrungsmittel in dem Genzentrum Mexiko und wurde hier kultiviert. Auf dem Landwirtschaftssystem Milpa wird neben anderen Pflanzen eine bunte Vielfalt von unterschiedlichen Maissorten verwendet. „Sin maíz no hay país“, das heißt ohne der Lebensgrundlage Mais gibt es kein Land. Die hohe genetische Diversität an Mais und vielen anderen Pflanzen gibt den Menschen die Möglichkeit, sich auf teilweise drastische klimatische Veränderungen anzupassen.


Rund 60 km südlich von Xpujil (sprich „Ischpuchil“) befindet sich das Dorf El Carmen II (sh. Abbildung). Maya Ch’oles aus Chiapas, die in den 70er Jahren hier angesiedelt wurden, leben in diesem Dorf und sprechen ihre eigene indigene Sprache. Die Siedlung liegt nahe der Pufferzone des Biosphärenparks Calakmul, wo nicht selten ein Jaguar vorbeischaut, um einen Truthahn zu ergattern. Ein halbes Jahr bevor ich meine Hütte am Dorfrand bezog, wurde vor meiner Haustür ein „Tigre“ erlegt … aber das ist eine andere Geschichte.
Calakmul ist ein Hot Spot biokultureller Diversität, da in dem Waldgebiet mit herausragender Biodiversität auch über zehn Ethnien Dorf an Dorf leben – und neben Spanisch ebenso viele indigene Sprachen gesprochen werden. Die häufigsten sind Maya Yucateco, Maya Ch’ol, Kanjobal, Tzeltal, Nahuatl und Tzotzil.
Die Gegend kämpft mit vielen strukturellen Problemen. eine marginale Infrastruktur für die dort lebende Bevölkerung, Armut, Korruption, Mangelernährung und illegale Abholzung der Wälder gehören zum Alltag. Vor allem Männer suchen oft ihr Glück in den USA, lassen ihre Frauen und Kinder zurück und riskieren einen gefährlichen und ungewissen Weg in den Norden.
Viele Gebäude und Strukturen verstecken sich im dichten Wald und nur ein kleiner Bruchteil wurde bisher freigelegt und restauriert. Verglichen mit anderen Massentourismus-Zielen auf der Halbinsel Yucatán sind bei den kleineren archäologischen Ausgrabungsstätte in der Region von Calakmul noch sehr wenige Menschen anzutreffen. Die historischen Stätte sind spektakulär, wie beispielsweise der Ameisenbau „El Hormiguero“, der ca. 20 km südlich von Xpujil liegt. Durch den Bau eines massiven Infrastrukturprojektes ist anzunehmen, dass die Zahl der Touristen in naher Zukunft stark steigen wird. (Projekt Tren Maya)


Die Straßen wurden strategisch durch das enorme Waldgebiet angelegt und gehen nicht selten 15 kilometer geradeaus. Die leicht hügelige Landschaft weist einen „halbhohen, feuchtgrünen Tropenwald“ (Selva mediana subcaducifolia) auf, was bedeutet, dass ein Teil der Bäume in der Trockenzeit die Blätter abwirft. Je südlicher man in Richtung Petén, Guatemala kommt, desto höher und immergrüner wird der Wald. Die Straßen sind oft in einem unfassbar miserablen Zustand, sodass man sich für eine Strecke von 30 km über zwei Stunden an Schlaglöchern vorbeischummeln muss. Fahren ist in dieser Gegend immer ein Erlebnis, aber die Abenteuer mit „baches“ und „topes“ sind eine andere Geschichte …

Nach einer dichten Besiedelung durch die Maya folgte nach 900 AD eine jahrhundertelange Menschenleere in der Region. Mitte des 20. Jahrhunderts kamen erste „Chicleros“ in die verlassene Gegend, um in den Wäldern Kautschuk vom Breiapfelbaum (Manilkara Zapota) zu ernten. Ab den 1970er Jahren wurden Landlose aus ganz Mexiko, manchesmal ganze Dörfer, hier angesiedelt. Deshalb leben heute besonders viele Menschen unterschiedlicher Ethnie und Herkunft in Calakmul. Im Bild wird Mais gereinigt und für die Herstellung von Tortillas vorbereitet.
Die typischen Häuser sind einfache Holzkonstruktionen mit gestampften Boden und haben keine Fenster. Die Dächer aus Palmenblätter (Guano – Sabal mexicana) helfen durch gute Isolation und Durchlüftung das Haus kühl zu halten. Bei Temperaturen über 40 °C und einer hohen Luftfeuchtigkeit schlafen so vielköpfige Familien in einer einzigen Hütte in ihren Hängematten.


Die Landwirtschaft ist die Lebensgrundlage für die Familien in der Region.
milpa: Landwirtschaftliche Mischkultur, die auf Mais, Bohnen und Kürbis basiert. Bei ihrer Ankunft wurden jeder Familie rund 40 ha Regenwald zugeteilt. Das Land wird durch Brandrodung urbar gemacht und kann dann mehrere Jahre bewirtschaftet werden. Durch die Asche werden Nährstoffe in den kargen Boden eingebracht, eine Vielzahl an unterschiedlichen Nutz- und Wildpflanzen sorgen für die Ernährungssicherheit der Familien. Für den Verkauf wird Chili Jalapeño kultiviert.
Die Familien sind kinderreich. Frauen werden oft sehr jung Mütter und verlassen das Dorf selten. Sie kümmern sich um die Kinder, die Nutztiere und den Hausgarten. Die Männer arbeiten in der Landwirtschaft und versuchen je nach Möglichkeit durch gelegentliche Lohnarbeit ein zusätzliches Einkommen zu generieren.

Hier noch ein paar Eindrücke der BewohnerInnen von Calakmul:







Hier noch ein paar links für mehr Informationen zur Gegend:
- Artikel zu „Plant species and their uses in homegardens of migrant Maya and Mestizo smallholder farmers in Calakmul, Campeche, Mexico.“ Download link: https://bioone.org/journals/journal-of-ethnobiology/volume-33/issue-1/0278-0771-33.1.105/Plant-Species-and-Their-Uses-In-Homegardens-of-Migrant-Maya/10.2993/0278-0771-33.1.105.full
- Info zu Calakmul: https://en.wikipedia.org/wiki/Calakmul_Biosphere_Reserve
- Wenn du vorhast, die Gegend oder die Halbinsel Yucatán zu bereisen und ein paar mehr Infos haben möchtest, kannst du mich gerne kontaktieren unter: wirsehenunswald@gmx.at
